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Verhinderungspflege: Wenn pflegende Angehörige mal eine Auszeit brauchen

Lesedauer ca. 7 Minuten

Als pflegender Angehöriger übernimmt man eine große Verantwortung über einen Pflegebedürftigen und gleichzeitig auch eine zeitintensive Verpflichtung auf sich. Auch die emotionale Intensität dieser Aufgabe darf nicht unterschätzt werden. Doch was tun, wenn plötzlich wichtige persönliche Termine anstehen, man selbst erkrankt oder dringend ein kurzer Erholungsurlaub nötig ist?

Damit Pflegebedürftige bei einer Verhinderung der eingetragenen Pflegeperson weiterhin gut versorgt werden können, gibt es die sogenannte Verhinderungspflege. Die Verhinderungspflege ist eine Leistung der Pflegeversicherung und regelt nach § 39 des Sozialgesetzbuches Elf (SGB XI) die Leistungen, Umfang und Kosten.

Die Brinkmann Pflegevermittlung zeigt Ihnen die Voraussetzungen sowie Ihren Anspruch auf Verhinderungspflege und ermutigt darüber hinaus alle pflegenden Angehörigen, dieses Angebot auch wahrzunehmen.

 

 

 


 

Definition nach §39 SGB XI: Häusliche Pflege bei Verhinderung der Pflegeperson

Ist eine Pflegeperson wegen Erholungsurlaubs, Krankheit oder aus anderen Gründen an der Pflege gehindert, übernimmt die Pflegekasse die nachgewiesenen Kosten einer notwendigen Ersatzpflege für längstens sechs Wochen je Kalenderjahr;[...] Voraussetzung ist, dass die Pflegeperson den Pflegebedürftigen vor der erstmaligen Verhinderung mindestens sechs Monate in seiner häuslichen Umgebung gepflegt hat und der Pflegebedürftige zum Zeitpunkt der Verhinderung mindestens in Pflegegrad 2 eingestuft ist...

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden um Verhinderungspflege zu beantragen?

Die Verhinderungspflege kann für verschiedene Zwecke in Anspruch genommen werden, wie z.B. bei Erholungsurlaub, Krankheit oder aus anderen Gründen, die einen pflegenden Angehörigen oder die pflegende Person an der Ausübung hindert. Als Pflegeersatz kann sowohl ein ambulanter Pflegedienst, Freunde, Nachbarn oder andere Familienangehörige eingesetzt werden. Um den Anspruch auf das Verhinderungspflegegeld geltend zu machen, müssen folgende Bedingungen erfüllt werden:

  • Die Pflegezeit durch einen pflegenden Angehörigen (eingetragende Pflegeperson) muss mindestens 6 Monate in der häuslichen Umgebung betragen. Der Beginn wird zumeist mit der Genehmigung des Pflegegrades gleichgesetzt. Bei der Erstbegutachtung ist es daher empfehlenswert, auf den Beginn der Pflegebedürftigkeit hinzuweisen, auch wenn dieser schon ein paar Monate zurückliegt. Somit besteht der Anspruch auf Verhinderungspflege schon vorher, nämlich zum Zeitpunkt des Beginns der Pflegebedürftigkeit.
     
  • Um Verhinderungspflege beantragen zu können muss mindestens der Pflegegrad 2 vorliegen. Pflegepersonen ohne Pflegegrad oder mit Pflegegrad 1 haben kein Anrecht auf die Leistungen der Verhinderungspflege.
     
  • Um den maximalen jährlichen Betrag des Verhinderungspflegegeldes in Höhe von 1.612€ nutzen zu können, darf die Ersatzpflegeperson mit dem Pflegebedürftigen nicht 1. oder 2. Grades verwandt sein oder unter der gleichen Adresse gemeldet sein. Sollten nahe Verwandte die Pflege übernehmen stehen Ihnen Leistungen in Höhe des Pflegegeldes für maximal sechs Wochen zu. Dies entspricht somit dem 1,5-fachen des monatlichen Pflegegeldes.
     
  • Bewahren Sie alle Belege und Nachweise über die Kosten im Rahmen der Verhinderungspflege auf. Diese müssen der Pflegekasse bei Beantragung des Pflegegeldes vorgelegt werden.

 

Auch 4 Jahre rückwirkend bleiben Ihre Ansprüche gegenüber der Pflegekasse bestehen und können im Nachhinein eingefordert werden, wenn die Umstände, wie oben beschrieben, gegeben sind.

 

Verhinderungspflegegeld und der gesetzliche Anspruch

Die Beanspruchung einer Ersatzpflege für Zeiten, in denen man einmal Abstand gewinnen, seinen Hobbys nachgehen, in den Urlaub fahren oder seiner Verpflichtung gegenüber seinem Arbeitgeber nachgehen möchte, kann durch die Inanspruchnahme einer externen Leistung bei der Krankenkasse gegen Auszahlung des Verhinderungspflegegeldes, beantragt werden.

Das Kraft des Gesetzes allen Pflegebedürftigen mit Pflegegrad 2, 3, 4 und 5 zustehende Verhinderungspflegegeld soll den pflegenden Angehörigen die Möglichkeit geben, eine Vertretung für die Ersatzpflege einzusetzen. Der Antrag kann bei der jeweiligen Pflegekasse entweder von der Internetseite heruntergeladen oder direkt zugeschickt werden.

Anspruchshöhe des Verhinderungspflegegeldes

Seit 2015 beträgt das Verhinderungspflegegeld 1.612 EUR jährlich. Zusätzlich kann das Verhinderungspflegegeld für eine Dauer von bis zu 6 Wochen beantragt werden und zusätzlich 50% des Leistungsbetrages der Kurzzeitpflege für die Verhinderungspflege ausgegeben werden. Das bedeutet, dass der jährliche Zuschuss bis zu 2.418 EUR beträgt oder 201 EUR monatlich. Dabei würde Ihnen bei dieser Regelung zusätzlich Anspruch auf 2 Wochen Kurzzeitpflege zustehen.

 

Im Jahr können maximal 1.612 Euro erstattet werden. Zeitlich ist die Verhinderungspflege auf 6 Wochen (42 Tage) im Jahr begrenzt. Für die Erstattung etwaiger Auslagen, wie zum Beispiel die Kosten für Pflegesachleistungen eines Pflegedienstes oder auch Verdienstausfall einer Privatperson muss bei der zuständigen Pflegekasse ein Antrag gestellt werden.

 

Kann die Verhinderungspflege auch rückwirkend beantragt werden?

Nicht immer ist es möglich im Vorfeld zu planen, wann ein Ersatz benötigt wird, um die Pflege des Angehörigen zu gewährleisten. Die Verhinderungspflege kann jedoch rückwirkend beantragt werden. Wichtig ist, dass Sie alle Belege zu den Auslagen aufbewahren, um sie der Pflegekasse vorlegen zu können. Einen Antrag auf Verhinderungspflege erhalten Sie auf Wunsch bei Ihrer Pflegekasse.

 

Leistungen im Rahmen der Verhinderungspflege

Eine Ersatzkraft, seien es Angehörige, Nachbarn oder Pflegedienstmitarbeiter dürfen sowohl die Grundpflege als auch die Haushaltsführung übernehmen:

  • Grundpflege: Die Grundpflege umfasst die Unterstützung bei der täglichen Körperpflege, Unterstützung bei der Blasen- und Darmentleerung, sowie bei der Ernährung oder Mobilisierung der pflegebedürftigen Person.

    Wichtig: Die medizinische Behandlungspflege gehört nicht zu den Leistungen der Verhinderungspflege, da diese von examinierten Pflegekräften durchgeführt werden müssen. Diese Leistungen werden von einem Arzt verordnet und die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen.
     
  • Haushaltsführung: Unter der hauswirtschaftliche Versorgung werden Tätigkeiten wie Einkaufen, Reinigung der Wohnräume, Wäsche waschen, Kochen usw. verstanden.

 

Wer darf als Ersatzkraft für die Verhinderungspflege eingesetzt werden?

Grundsätzlich ist es Ihnen überlassen, wen Sie als Ersatzkraft für die Verhinderungspflege im häuslichen Umfeld als geeignet erachten und einsetzen. In Bezug auf die Kostenerstattung gibt es jedoch Unterschiede, ob Sie nahe Angehörige oder Nachbarn, sowie Pflegedienstmitarbeiter zur Entlastung engagieren.
 

  • Verhinderungspflege durch Angehörige:

    Bei dem Einsatz von verwandten oder verschwägerten Personen bis zum 2. Grad steht Ihnen lediglich der 1,5 fache Betrag des monatlichen Pflegegeldes zu. Hierzu zählen unter anderem: Eltern, Kinder, Enkelkinder, Geschwister, Ehepartner, Schwiegerkinder oder Schwager bzw. Schwägerin. Ebenso verhält es sich mit Personen, die im Haushalt der Pflegebedürftigen leben bzw. dort gemeldet sind.

    Wichtig: Entstehen Ihren Angehörigen im Rahmen der Verhinderungspflege Verdienstausfälle oder enorme Fahrtkosten, können diese erhöhten Aufwendungen sehr wohl geltend gemacht werden, sofern das Pflegegeld nicht ausreicht. Ein Nachweis für die Pflegekasse ist hierbei unabdingbar.
     
  • Verhinderungspflege durch nicht verwandte Personen:

    Wenn Sie Freunde, Nachbarn, Haushaltshilfen oder professionelle Dienstleister beauftragen stehen Ihnen Verhinderungspflegegelder von maximal 1.612€ im Jahr für deren Bezahlung zu. Ambulante Pflegedienste können die entstandenen Kosten direkt mit der Pflegekasse abrechnen.
     

Kombinierte Leistung: Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege sinnvoll kombinieren
 

Wie im Falle der Verhinderungspflege haben Personen ab Pflegegrad 2 auch Anspruch auf Kurzzeitpflege. Hierbei handelt es sich um die Pflege in einer vollstationären Einrichtung für bis zu 4 Wochen im Jahr. Sollte der Anspruch auf diese Leistung nicht geltend gemacht werden, haben Sie die Möglichkeit, die zur Verfügung stehenden Mittel für die Verhinderungspflege aufzuwenden. Auf diesem Wege können bis zu 806€ aus der Kurzzeitpflege auf die Verhinderungspflege angerechnet werden.

Die beiden genannten Leistungen sind frei kombinierbar. Sollte plötzlich durch den Ausfall der Pflegeperson die Versorgung in der häuslichen Umgebung nicht möglich sein, kann der zur Verfügung stehende Betrag der Verhinderungpflege auch für die Kurzzeitpflege angerechnet werden, sofern dieser noch nicht in Anspruch genommen wurde.

Keine Kürzung des Pflegegeldes

Pflegebedürftigen Personen, die im häuslichen Umfeld von ihren Angehörigen betreut werden, erhalten von der Pflegeversicherung, dem jeweiligen Pfllegegrad entsprechend, einen monatlichen Betrag – das sogenannte Pflegegeld. Das Pflegegeld wird bei Inanspruchnahme der Verhinderungspflege weder gestrichen noch gekürzt. Der Pflegebedürftiige erhält den ihm zustehenden Betrag in voller Höhe.

 

Einen Angehörigen zu pflegen und zu betreuen kann sowohl eine hohe körperliche als auch seelische Belastung sein. Viele pflegende Angehörige vernachlässigen oft ihre eigene Gesundheit und Bedürfnisse, um der pflegebedürftigen Person ein gutes Leben zu ermöglichen. Daher ist es ratsam die Möglichkeiten der Verhinderungspflege zu nutzen, um sich selbst eine Auszeit zu gönnen und wieder Kraft zu tanken. Es ist Ihnen überlassen, ob Sie die festgesetzten 6 Wochen am Stück oder über das Jahr verteilt und stundenweise einsetzen. Eine stundenweise Verhinderungspflege ermöglicht Ihnen eine regelmäßige Auszeit, um sich selbst etwas Gutes zu tun. Bleiben diese Auszeiten unter acht Stunden, wird kein kompletter Tag angerechnet.

Die Verhinderungspflege bietet Ihnen die Möglichkeit auch auf Ihre eigene Gesundheit und Ihr Wohlbefinden zu achten. Die Brinkmann Pflegevermittlung möchte Sie als pflegende Angehörige ermutigen, dieses Angebot wahrzunehmen.

 

Zusammenfassung: Die Pflegeform Verhinderungspflege im Überblick:

 

  1. Verhinderungspflege bei vorhandenem Pflegegrad:
    Die Verhinderungspflege muss nicht im Vorfeld beantragt werden, wenn dem Pflegebedürftigen bereits Pflegegrad 2, 3, 4 oder 5 zugesprochen wurde.
  2. Möglichkeit der nachträglichen Beantragung:
    Die Verhinderungspflege kann auch rückwirkend geltend gemacht werden.
  3. Kostenübernahme:
    Jährlich können bis zu 1.612 Euro für Verhinderungspflege erstattet werden.
    Belege der Auslagen müssen der Pflegekasse vorgelegt werden.
  4. Jährliche Inanspruchnahme:
    Verhinderungspflege kann bis zu 6 Wochen (42 Tage) jährlich in Anspruch genommen werden.
  5. Keine Kürzung des Pflegegeldes:
    Das Pflegegeld wird durch die Verhinderungspflege nicht gekürzt.
  6. Leistungen sinnvoll kombinieren:
    Eine Kombination der Leistungen der Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege sind miteinander frei kombinierbar.
 

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